21 Februar 2008

Ich werde verrückt (Tramerlebnisse die … keine Ahnung … x-te halt)

Als eifriger Benutzer des öffentlichen Nahverkehrs kann man immer eine ganze Menge netter und verrückter Dinge erleben. Von Bahnfahrten in Begleitung netter älterer Damen, die auf einmal ihren fünften Frühling erleben bis hin zu Mitreisenden, die innerhalb von 20 Minuten ihre ganze Lebensgeschichte der breiten Öffentlichkeit kund getan haben, war schon vorhanden. Diese Fahrten mit dem Tram am frühen Morgen oder späten Abend, die gelegentlichen Fahrten mit der SBB oder anderweitigen Anbietern des öffentlichen Nahverkehrs gehören zweifellos zu den Erlebnissen, die ich auf keinen Fall missen möchte. Sosehr ich auch gerne mit dem eigenen Auto unterwegs bin und dies auch meistens zu schätzen weiss.

Na jedenfalls war heute Morgen nach Tagen und Wochen der ruhigen und entspannten Tramfahrerei endlich mal wieder der Zeitpunkt gekommen, dass mal wieder ein wenig Action im Tram war. Wurde aber auch mal langsam wieder Zeit …

Als Ausgangslage muss sich der geneigte Leser die folgende vorstellen:
Zürich-Seebach (nicht wirklich die allerbeste Lage Zürichs), Endhaltestelle der Tramlinie 14, Donnerstagmorgen ca. 07:20 Uhr, der Berufsverkehr ist in vollem Gange und verschlafene Menschenmassen bewegen sich Richtung Eingang der Tram Linie 14. Das übliche Spiel am frühen Morgen halt.

Nichts Besonderes halt bis zu dem Zeitpunkt, wo meine beiden Hautdarsteller des heutigen Morgens die Bühne betraten. Männlein und Weiblein, beide so ca. 40 Jahre alt, klamottentechnisch eher im Bereich "dreckig, schlampig, arbeitslos und Spass dabei" angesiedelt und zweifellos nicht zur Schicht der täglichen Pendler zugehörig. Dafür hatten die beiden einen Alkoholpegel, der auf den extremen und vielschichten Genuss diverser hochgeistiger Getränke am Abend davor schliessen liess. Zumindest verströmten beide einen Geruch, der mein nicht wirklich sensibles Riechorgan eben solche Ausschweifungen vermuten liess. schliesslich standen bzw. torkelten beide Persona non grada direkt neben mir vor sich hin. Stört mich ja eigentlich nicht … solange man mir nicht zu nahe kommt.

Aber genau diesen Fehler begangen beide in dem Moment, in welchen sich das Tram in die erste Kurve der Fahrt begab. Natürlich nur eine leichte Rechtskurve, die aber völlig ausreichte, um beide Gestalten verdächtig nahe an meine auserwählte und paradeplatz-mässig gekleidete Person heranrutschten. Alter Schwede … fliessend Wasser scheinen die auch nicht zu haben, denn neben den üblichen Alkoholausdünstungen gesellten sich noch diverse andere Gerüche wie der Geruch ranziges Fettes, alten Schweisses und billigem (im sinne von "bäh") Aftershave hinzu, die es mir trotz leerem Magen schwer machten, das Würgegefühl zu unterdrücken. Dementsprechend muss wohl mein Blick auch ausgesehen und auf meine geschätzten Mitreisenden gewirkt haben. Neben den gelangweilten und nicht sonderlich interessierten Blicken kam denn doch schon der eine bedauernde Blick an und gab mir zumindest das Gefühl, dass mein Schicksal dem Rest der Menschheit nicht ganz gleich ist.

Zu meinem kleinen Unglück fiel eben dieser Blick auch meinen beiden Protagonisten auf. Leider zogen sie nicht die Schlüsse, die ich mir so sehnsüchtig gewünscht hätte. Ganz im Gegenteil … Anstatt langsam und mit dem nötigen Respekt meiner Person gegenüber mir langsam wieder von der Pelle zu rücken, meinten diese beiden Individuen doch tatsächlich, dass ich in Kuschellaune bin und rückten mir so richtig auf die Haut.

Langsam wich meine Panik einer ausgemachten Angst vor irgendwelchen ansteckenden Krankheiten oder Seuchen. Alkoholica influenza oder sowas in der Art.

Also ich mein bösen Blick aufgesetzt und die beiden mit Blicken durchbohrt, die jeden Leopard-Panzer zum plötzlichen Schmelzen der doch nicht ganz unerheblichen Panzerung gebracht hätte. Aber was machen die Beiden … nix … keinen Millimeter weichen sie und fangen an rumzupöbeln. Von wegen "Wir sind wohl dem Schnösel nicht fein genug" oder "Ob er Angst hat, sich dreckig zu machen?".

Spätestens bei der letzten Bemerkung war dann endlich genug. Ich verliess meine Deckung in Form meines dicken Buches, erhob mich, setzte meine "jetzt reichts"-Miene auf, senkte meine Stimme auf die alte Death-Metal-Tonart und sagte leise und im feinsten Hamburger Dialekt nur das folgende:

"Wenn Ihr beiden Hübschen nicht sofort dieses Tram verlasst, werde ich Euch so rund machen, dass Ihr Euch wünscht, heute nicht aus Eurem Sumpf ans Tageslicht gekrochen zu sein. Und seht zu, dass ihr mir niemals … und ich betone niemals, wieder unter die Augen und Nase kommt."

Worte … die mir ohne langes Überlegen und ohne den Hauch einer grossen Gefühlsregung über die Lippen kamen und doch unheimlich befreiend auf mich und den Rest der Mitreisenden wirken.

Und ein Wunder geschah … die beiden gammligen Personen wurden zu Persönchen und hatten innerhalb weniger Nanosekunden die gerade zum Stillstand gekommene Tram verlassen.
Aufatmen, Erleichterung und ein Funken Stolz durchfluteten mich und zufrieden mit mir und meiner Umwelt konnte ich mich wieder meinem Buch widmen.

In dem Sinne … Ende gut, alles gut. Und es macht sich doch oft mal bezahlt, einfach nichts eine Klappe zu halten und gegen das anzugehen, was einen stört.

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